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FRANKFURT JAZZFEST: Frankfurter Neue Presse
Für den originellsten Beitrag sei Erika Stucky gerühmt. Mit Comedy hatte die schräge Programmcollage nichts zu tun, mehr schon mit Klangperformances à la Laurie Anderson,  den düster-trunkenen Erzählformen Tom Waits", dem Experimentalgeist Meredith Monks oder dem kindlich Kauzigen bei Christoph Marthaler. So parodistisch bricht die  Codes wohl nur, wen es als Kind von Hippie-San-Francisco ins Schwyzer Bergdorf verschlägt. Pech für die, die nach ihr kamen!

Rhein-MainViel Anklang fand bei Zuhörern an den drei Abenden die Schweizer Musik-Kabarettistin Erika Stucky sowie die hr Big Band, die die Musik von Ornette Coleman interpretierte.  Unter der Rubrik "schrille Diva sprengt alle (Jazz-) Normen" lässt sich der Auftritt der Schweizerin Erika Stucky und ihrer Band einordnen. Eine clowneske Show mit Tiefgang.

Frankfurter Allgemeine
„Who‘s afraid of Doris Day ?

....dann macht Erika Stucky ihren Mund auf und bringt selbst die unausgesprochen Vorbehalte zum Schweigen. Wer witzig sein will und dabei allewie fisch aus den
Eingebungen des Augenblicks erscheinen lassen möchte , muss präzise sein wie ein Buchhalter und kryptisch wie ein Kabbalist.
Die Stucky ist es bis ins versteckteste musikalische Zitat und die winzigste Nuance ihres , na sagen wir euphemistisch : Gesangs. Solch ein grandioses Kauderwelsch
aus deutsch-amerikanischem Slang, verbal-musikalischen Slapsticks und bissigen Anmerkungen zum alltäglichen Biedersinn zwischen Hollywood und Wetzikon hat auch  die an Merkwürdigkeiten nicht gerade arme Jazzgeschichte selten erlebt. ...Die Stucky ist ein Gigant im Erfassen weltumspannender Infantilität und musikalischer
Sentimentalitäten ....
Der Auftritt von Erika Stucky mit dem Posaunisten Bertl Mütter und dem Tuba-Spieler Jon Sass nebst „Streichquartett“ die auf wundersame und zugleich hochmusikalisch  polyphone Weise miteinander kommunizierten war einer der vielen Höhepunkte den Deutschen Jazzfelstivals Frankfurt


Süddeutsche Zeitung
....deren Gesang die These bestätigte, wonach im heutigen Jazz ein putzmunterer Expressionismus Urständ feiert. Noch mehr galt dies für die urkomische Performance
der Schweizer Stimmakrobatin Erika Stucky. Ohne Frank Zappa ihre Referenz zu erweisen, hat sie dessen Nachfolge angetreten. Singen kann sie ohnehin besser.
Tagesspiegel, Berlin : Stucky hat ihre Show zum Ritual erhoben. Ihre Hippie-Vorbilder waren daran gescheitert.

URBANER ALPSEGEN EINER DIVA
Text Irene Mahrer-Stich..............TAGESANZEIGER 10. MÄRZ 2005


Die Prinzessin empfängt im Starbucks-Café Thalwil. Für das Interview hat sie eine Schneidepause eingelegt. Ihre neue CD „Princess: Star/Diva/Mother“  wird gerade gepresst. Die Videoclips dazu sind abgedreht und warten auf dem Schneidetisch auf die Bearbeitung durch die Künstlerin, die sich nicht als  Künstlerin sieht. Sie erklärt im breitesten Walliserdialekt, „ich mache doch nur Müsig“. Die Musikerin also will noch einmal Prinzessin sein.  Zum 40. Geburtstag hat sie sich neben ihren eigenen, die Songs der Königsklasse vorgenommen, King of Rock n’Roll Elvis Presley, King of Pop  Michael Jackson und The Queen.

Die Prinzessin ohne Hofstaat sitzt inmitten ihrer abgelegten Wintergarderobe, Hut, Mantel, und Schal im tiefen Sessel in der hintersten Ecke. Ihre Geschichte beginnt in jenem Winter in Wildhaus, wo sich die Stuckys aus San Francisco kommend niederlassen. Wo samstags jeweils Skifest ist und  die achtjährige Erika laut mitsingend am Bühnenrand klebt. Während die Band „we all live in a yellow submarine“ spielt, darf sie zum Mitsingen auf die Bühne. Ihren ersten Auftritt geniesst sie in vollen Zügen. Hemmungen kennt sie nicht, in Amerika macht man das so. In Wildhaus hat sie Blut geleckt. I’ll be a Singer!  Ich werde Sängerin. Die Eltern waren vorgewarnt.


SINGEN UNTER DEM GLETSCHER
Ein Jahr später in Mörel unter dem Aletschgletscher, im Heimatdorf der Stuckys, zieht das Jungtalent mit ihrer Haarbürste, die Borsten gegen sich gerichtet,  damit es wie ein richtiges Mikrofon aussieht, ins Restaurant Furka und singt den stumpenrauchenden Männern den Mammy Blue. Die lassen das Amerikanerli  vom Stucky Bruni gewähren, denn die Amerikaner, befinden sie, haben halt ein bisschen weniger Genierung, und als das Kind nicht aufhören will, nun sei  genug gesungen. Aber da haben sie die Rechnung ohne die Sängerin gemacht. Sie lässt sich nicht beirren, auch nicht von den aufgeregt  schnatternden Klassenkameradinnen, dass du dich getraust!, dass du das darfst! „Ich durfte, weil ich eine Stucky bin“. Der Stucky Theodor war 1907  nach Amerika ausgewandert und zurückgekommen, um seine Philomene zu heiraten.

Im September 1999, in Brooklyn New York, das Geld ist wieder einmal knapp, rattert das Faxgerät. Josef Estermann, Stadtpräsident der Stadt Zürich teilt mit,  dass Erika Stucky soeben das Werkjahr der Stadt Zürich gewonnen hat. Da hat die Sängerin und Performerin, die sich inzwischen auch Mrs. Bubble nennt  bereits 500 Auftritte,TV-Shows und Tourneen durch Europa und Afrika hinter sich. Die Glückliche kauft sich eine gebrauchte Handharmonika,  eine riesengrosse italo-amerikanische perlmuttbestückte Bartoli, 15 Kilo schwer, 120 Dollar teuer. Die Bartoli ist noch immer Teil ihrer Bühnenshow.  Sie wird im nächsten Film von Stefan Schwietert (Accordion Tribe) mit eine Rolle spielen. Dafür wird Erika Stucky häufig in Wien sein, dort würde  sie auch gerne leben. Aber wie auch, wenn 80 Prozent ihrer Engagements im Ausland sind.

Die Ecke im Starbucks ist nun alles andere als ruhig, junge Mütter mit schreienden Babys, aus einem Zwillingswagen gar synchron, und Geschirrklappern  und -scherbeln orchestrieren das Ambiente. Diese Geräuschkulisse könnte Teil von Erika Stuckys Bühnenshow sein. Kinder sind häufig ebenso begeisterte  Zuschauer ihren Live-Shows wie Erwachsene. In die Kakophonie steigt nun auch Mrs. Bubble the Princess ein. Weil sie gerade nach ihrem Einfluss von  Literatur gefragt wurde, imitiert sie mit hoher kreischender Stimme Owen Meany, das Männlein aus John Irwings gleichnamigem Roman. Eins ihrer Lieblingsbücher. Es sind nicht viele, dafür werden sie mehrmals gelesen. Auch im CD-Player zu Hause an der Pfnüselküste dreht sich tausendfach die gleiche Scheibe. Pink Floyds, Wish you where here. Es ist ihr peinlich, so was von nicht aktuell,sagt sie. Im Kinderzimmer kämpft die elfjährige Tochter mit Shakira ,gegen Mutters Lieblingssongs an: Rickie Lee Jones, Sting, obwohl manche ihn einen Tantra-Heini nennen. Paul Mc Cartney, weil er heutzutage noch rockt. Und Angus Young von AC/DC, den sie jeweils hört, bevor sie sich einsingt. „Sein lautes grelles befreiendenes Brüelizeug“ inspiriert und beflügelt sie.

ZÄUERLI IN DEN HERZKAMMERN

Erika Stucky ist keine reine Jazzsängerin „so eine würde auch nie so grob singen wie ich. Die Performerin Stucky lässt sich auch von keiner Regie leiten,  möchte auf der Bühne so herumhocken, wie sie will. Sie ist Hofnärrin, „elend beeinflusst von all den Leuten um mich herum“, von bulgarischen Chören,  Pygmäen-Jodel, Appenzeller Zäuerli, all das „Zeug“ hat sie zum Weinen gebracht und ist wie Owen Meany in ihre Herzkammern eingedrungen. Und wenn sie  Jimi ( er schrieb sich selber immer JIMI . auch auf allen cds von ihm.)Hendrix-Songs singt, sind die Jauchzer darin Herzstösse aus diesen Kammern. „Die Künstler, die ich kenne, und die aus den Dörfern kommen, keine besondere Förderung hatten, das sind die wildesten Siechen. “ Damit ist sie selber wohl auch gemeint.

Liebe Mütter, und jetzt meint Prinzessin Erika Stucky, nicht die mit den Kinderwagen im Kaffeehaus, schickt eure Mädchen in den  Übungskeller , wenn sie eine Band gründen wollen. Lacht sie nicht aus, wenn sie Sängerin werden wollen.  Ich war ja so froh, hat mir niemand meine Visionen genommen und langsam fein erstickt. Ich habe eine Mutter und einen Vater, die sagten,  unsere Tochter wird Sängerin. Mit so einer Klarheit und Unterstützung die ich nur weiter empfehlen kann. Das ist mir wichtig. Sonst können die Meitli mir schreiben www.erikastucky.ch ich schreibe zurück.

Frankfurter Allgemeine Zeitung
22. 7. 04


Hinter jeder Note ein halbes Dutzend Einfälle FAZ( Frankfurter Allgemeine Zeitung) Erika Stucky traumwandelt zwschen Jazz, Filmmusik und Schweizer Alpen-Folk
Norbert Krampf


"Schauspieler inspirieren mich viel stärker als Musik", stellt Erika Stucky lächelnd fest. "Wenn Jeanne Moreau mit heruntergezogenen Mundwinkeln durch einen Klassiker stöckelt, fallen mir sofort mindestens drei Texte ein." Kein Wunder, daß Filmfiguren zuweilen tragende Rollen in Stuckys Songs spielen. Mal als diffuse Traumbilder, mal als wiedererkennbare Charaktere, über die sie sich köstlich amüsieren kann. Stereotypen sind der Schweizerin mit amerikanischer Vergangenheit dagegen fremd. Mit dem jüngsten Trend zu Sängerinnen, deren schlichte Phrasierungen Jazz sein wollen, hat Erika Stucky nichts zu tun. Kraftvoll, mit großer Spannweite lotet sie Klippen und Untiefen des amerikanischen Blues und Pop aus, wechselt übergangslos von Lautmalereien zu improvisierten Scats, adaptiert Alpen-Folk und würzt ihn mit arabesken Trillern.


Wenn Stucky Songs von Sting oder der Schlange Ka aus dem Dschungelbuch neu deutet und hinterlistig Schnulzen wie "Love Hurts" karikiert, verweist mitunter nur noch ein Text- oder Harmonie-Fragment auf das Original. In ihren liebevoll respektlosen Zugriffen schwingt viel Mut zu Individualität mit. Er rührt aus einer wechselhaften Biographie, die Selbstbewußtsein und Durchhaltevermögen geradezu provozierte. Aufgewachsen in einer Hippie-Kommune bei San Francisco, genoß Stucky zunächst die Unbekümmertheit der "Achtundsechziger", ehe sie als Schülerin im Oberwallis eine Art Kulturschock verdauen mußte. "In Amerika wurden wir nach dem Motto erzogen: "Du kannst alles sein, was du willst", erinnert sie sich, "das wollten sie uns in der Schweiz schnell wieder austreiben. Trotzdem hat mich dieses Grundgefühl später auf der Schauspielschule in Paris und bis heute bei allen meinen Projekten nie mehr verlassen."


Ende der neunziger Jahre in New York, der Heimat unzähliger passionierter Grenzgänger der Künste, entwickelte Stucky ihren charakteristischen Sound, der sich leichtfüßig gängigen Kategorien entzieht. Geschickt spielt sie mit Stilmitteln aus alten Filmen und modernem Jazz und klingt, bei aller Cleverness in manchen Arrangements, auf der Bühne so lebendig, als lauerte hinter jede Note ein halbes Dutzend spontaner Einfälle. Ihre beiden CDs "Bubbles&Bones" und "Lovebites" reflektieren natürlich auch Einflüsse der beteiligten Musiker, darunter Pianist George Gruntz und Posaunist Ray Anderson, Art Baron und Knut Jensen. Dazu läßt Stucky leidenschaftlich ein Akkordeon quietschen und klagen. Der leise aufkommende Verdacht, sie folge absichtsvoll den Spuren von Tom Waits, trügt. "Ich hätte auch gerne mal einen richtigen Mainstream-Hit geschrieben, aber ich hab's einfach nicht gekonnt", stellt die Musikerin zwischen den Welten mit komischer Verzweiflung fest.


Um so mehr begeistern ihre Ironie und ihre mal lakonische, mal theatralische Präsenz mittlerweile ein immer größeres, generationenübergreifendes Publikum. Skurriler Witz, charmante Conferencen und spielfreudiger Stilwillen werden im aktuellen Programm mit dem Trio "Roots of Communication" wieder einmal gewendet. Statt Coverversionen singt Stucky hauptsächlich eigene Stücke, oft in ihrer Kunstsprache "bubblinish". Dank Schlagzeuger Peter Horisberger pulsiert der Groove, zwischendurch klingen afrikanische oder arabeske Erinnerungen an. Jean-Jacques Pedretti und Robert Morgenthaler wuchten neben Posaunen auch ausgewachsene Alphörner auf die Bühne. "Das Programm enthält viel Schweizerisches, sogar Jodler", sagt Stucky, "aber eben nicht die Bierzelt-Variante des Musikantenstadls, sondern archaische Lieder, deren leicht verstimmte Ästhetik in manchen Ohren etwas dissonant klingt."


Ob dieses Lokalkolorit, das seit einer Weile südlich der Alpen von einigen Musikern wiederentdeckt wird, gleichermaßen nördlich des Mains ankommt, wartet Erika Stucky gelassen ab. Nach fünfzehn Jahren Karriere glaubt sie hauptsächlich an den eigenen langen Atem. "Was ewig währt, setzt sich durch - immerhin gab Frank Zappa anfangs auch vielen Rätsel auf, und irgendwann prägte man für seine Musik einfach einen neuen Begriff: zappaesk."




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LOVEBITES CD-BESPRECHUNG


Düster können sie sein, die musikalisch-theatralischen Phantasien der Erika Stucky. Düster und böse, wenn sie in einem mörderischen Wiegenlied eine unheimliche Stimmung heraufbeschwört, die nicht von ungefähr an den Aufbau filmischer Szenen erinnert: Denn die schweiz-amerikanische Sängerin und Performerin hat die Produktion ihres zweiten Albums Lovebites sehr stark von filmischer Vorstellungskraft beeinflussen lassen.
Über 300 Filme hat sie sich im Vorfeld angeschaut, mit Samuel L. Jackson oder Nicole Kidman, sie hat auf Musiken und Dramaturgie geachtet und diese cineastische Stimmung auch in ihre Kompositionen einfließen lassen. Die Stücke geraten teilweise an die Grenze zum Hörspiel, sind aber in erster Linie Musik, die mit starken Bildern und kleinen Geschichten aufwartet: So neben erwähntem Lullaby ("Wiggle") ein Song, wie "If 6 was 9", bei dem Stucky dem Jimi-Hendrix-Stück Originalaufnahmen der Züricher "Globuskrawalle" von 1968 hinzufügt, in denen die Polizisten die Demonstrierenden höflich um gutes Benehmen bitten.
Erika Stucky hat ihre Formation Mrs. Bubbles & Bones (auf der CD mit Bertl Mütter, Posaune, Jon Sass, Tuba, Ray Anderson, Posaune, Matt Perrine Sousaphon und Lew Soloff trompete) noch um ein Streichtrio erweitert, welches den filmischen und manchmal etwas schräg-morbiden Anstrich unterstreicht. Aber auch wer etwas Trocken-Ironisches ("Lil Brother") oder Rührend-Schmalziges hören möchte, wird mit Lovebites gut bedient: Denn die Sängerin bringt wieder ihre unverwechselbaren Cover-Versionen diesmal mit "A Whiter Shade Of Pale" und "Love Hurts" -- auch wenn sie für meinen Geschmack nicht ganz an den fast schon Stucky-Klassiker "Roxanne" von ihrer ersten CD Bubbles & Bones heran reichen. Aber ein besonders eindringlicher "After-love-song" ist "Heaven On Earth", der einem fast die Tränen in die Augen treibt.


Erika Stucky ist schlichtweg ein Unikum und ihre Alben gehören in den Plattenschrank aller Menschen, die einen kunterbunten Stilmix, schräge Geschichten, musikalische Dialoge zwischen Stimme und Blech und ganz viel unverwechselbare Persönlichkeit mögen! --Anja BuchmannKunden-Rezensionen
Durchschnittliche Bewertung: 5 STERNE
Bewertung: - Liebevoll und bissig
Erika Stucky's CD "Bubbles & Bones" traf schon ins Mark. Aber ihr neues Album "Lovebites" geht darüber noch hinaus. Sie schafft es, Gefühle bis ins Mark zu sezieren und durchsichtig zu machen. Musikalisch herausraugend und emotional ein absolutes Highlight!!



Zwischen Bubblegum und Zervelatbraten:
Die kunterbunten Musikwelten der Erika Stucky

Anja Buchmann


Es begann in einem Hotelzimmer in Leningrad. Bei einem dieser nie enden wollenden Tage auf einer Tournee,
während die Musikerinnen und Musiker auf irgend etwas warten: eine Erlaubnis, einen Schlüssel, den Soundcheck
oder sie warten einfach, weil alle warten. Irgendwann wurde nicht mehr Tee, sondern Wodka getrunken und
dann kam dem amerikanischen Posaunisten Art Baron und der schweiz-amerikanischen Sängerin und
Performerin Erika Stucky eben diese 'Schnapsidee': "Let's do a band, you know like two trombones and a
voice, that would be really cool!"

Aber scheinbar, so erzählt mir Erika Stucky in einem Interview, sollte diese Band-Idee nicht nur unter
kurzfristigem Alkoholeinfluss Bestand haben: " Dann gab es diesen Art Baron, der einfach nicht aufgehört hat, noch
zwei Wochen nach der Tour mich anzurufen und zu fragen, hej, what's up with our band, you know when we're gonna
do our band? Zwei Wochen später:
Well Stucky? What about our band, are you thinking about, are you doing some work on our band? -
Er hat mich einfach gelöchert, bis ich angefangen hab, Arrangements zu schreiben für zwei Posaunen und Stimme."


1997 gründet Erika Stucky schließlich offiziell ihre neue Band aus "two horns and a voice": "Mrs. Bubble and
Bones" ist geboren. Mit besagtem hartnäckigen Initiator, dem Posaunisten Art Baron - der noch im Duke Ellington
Orchestra gespielt hat - mit Tausendsassa Ray Anderson als weiterem Posaunisten und Sousaphonspieler und mit Jose Davila an der Tuba.

Kennen gelernt hat die Schweiz-Amerikanerin Stucky ihre Bläsersection über den Schweizer Pianisten, Komponisten und Bandleader George Gruntz, der sie 1994 als Vokalsolistin für seine Concert Jazz Band verpflichtete und auf zahlreiche Tourneen mitnahm.
Im Herbst 2001 hat Erika Stucky endlich ihr Debutalbum von "Mrs. Bubble and Bones" beim Berliner Label Traumton veröffentlicht. Eine CD, die das illustriert, was bisher nur auf der Bühne erlebbar war: Erika Stuckys musikalischer Umgang mit ihrer schweiz-amerikanischen
Doppelkultur.


"Für mich ist ein Jodel genauso herzzerreißend, wie ein Südstaatenblues."
Die Anfänge: 1962 wird Erika als Kind eines schweizer Ehepaares in San Francisco geboren, aufgewachsen in der Nähe des Golden Gate Parks, beeinflusst von all dem, was wir in Europa als "Klischees" der sechziger Jahre in San Francisco bezeichnen würden: Hippies, Nancy Sinatra, the Monkees, Flower Power, Haight Ashbury und Hare Krishna bis zum Abwinken. Szenenwechsel - die Siebziger Jahre. Die Stucky-Familie zieht zurück in die Schweiz in einen kleinen Ort im Oberwallis. Statt Hare Krishna nun Jodelchöre, Trachtenvereine, das Matterhorn und Cervelatbraten.

Dies waren die prägenden Jahre für Erika Stuckys gespaltenes Musikerinnen-Leben zwischen Schwyzerdütsch und Englisch, zwischen Jodler und Südstaatenblues, zwischen Fun-Faktor und Ernsthaftigkeit: Und jetzt als erwachsene Frau, hab ich wieder diese Schizophrenität in mir, zieh mit meinem Kind und Mann rüber nach Brooklyn und dann wohnen wir ein halbes Jahr in Brooklyn, und dann
wieder 'wumm': why don't we go back to switzerland? Es ist also ein Fluch mit diesem Hin und Her; mir bleibt gar nichts anderes übrig, als das zu thematisieren, als das in meine Musik einfließen zu lassen.

Für mich ist ein Jodel genauso herzzerreißend, wie ein Südstaatenblues. Mit der Zeit oder mit dem Alter fängt man an, das Zeug zu vermischen. Und das ist dann beides eigen und beides von Herzen und in meinem Fall beides Kindheit - ich bin ganz froh, hab ich jetzt gelernt, diese Schizophrenität über die Musik auszuleben und diesen Knacks auszumerzen.

Natürlich geschah noch einiges zwischen den 70er Jahren und heute, so z.B. ihre Gesangsausbildung an der Pariser C.I.M.-Jazzschule und ihre Schauspielausbildung bei Serge Martin, ihr erstes A-Capella-Frauen-Ensemble plus Bassist "The Sophisticrats", ihre Band "Bubble
Town", die Zusammenarbeit mit dem schweizer Alphorn-Trio "Roots of Communication". Großen Erfolg hatte die Künstlerin auch im Jahre 2000, als sie gemeinsam mit ihrer Duo-Partnerin, der Mundart-Sängerin Sina ("Sina & Stucky") die musikalische Leitung für Sibylle Bergs Stück "Helges Leben" am Bochumer Schauspielhaus übernahm und auch als 'Frau Gott' mitspielte. Aber die Hauptformation der Erika Stucky ist Mrs. Bubble & Bones, mit der diesen Herbst ihr zweites Album "Lovebites" ebenfalls bei Traumton erschienen ist.

Inzwischen hat sich ihre Horn-Riege erweitert: Zur Stammbesetzung gehören die beiden in Wien lebenden Musiker Jon Sass, Tuba, und Bertl Mütter, Posaune. Der amerikanische Sousaphonspieler Matt Perrine gesellt sich zuweilen zum Ensemble, genauso wie die Ursprungsbesetztung Art Baron und Ray Anderson, sofern sie in Europa gastieren.


"Wer sich was zutraut, der geht nach Bubble Town."
Bubbles ziehen sich wie ein 'rosa Faden' durch die musikalischen Welten der Erika Stucky. Doch woher stammt eigentlich der Name 'Mrs Bubble'? Und was, um auf eine alte Band von ihr anzuspielen, ist Bubble Town? Bubble Town - da leben Bubbleiner. Bubbleiner sind ein bisschen wie Hobbits. Die sitzen draußen vor ihren Häusern und rauchen ihre Pfeifen und trinken ihre Säfte und die Kinder schreien rum und spielen auf ihren Tin Whistles rum. Und die Bubbleiner sind gemütliche Menschen, die viel Musik machen, ihre eigene Körpersprache haben, ihre eigene Sprache, eben bubbleinisch. Man wird Bubbleiner, man kommt nicht als Bubbleiner auf die Welt. Es ist eine philosophy mehr denn eine Passfrage. Bubble Town ist irgendwo oben in Schweden, weil ich mich da am wenigsten auskenne, Bubble Town is the place you wanna be, everybody dreams of, der melting pot von allen Kindheiten und allen Traumatas und allen Träumen - wer sich was zutraut, der geht nach Bubble Town.

Erika Stucky singt nicht nur, sie performt, manchmal zeigt sie knallig-bunte Super 8-Filme und sie erzählt kleine Geschichten: Sie berichtet von ihrem Hundehass, von ihrer Begegnung mit besserwisserischen Urschweizern oder sie kreiert düster-filmische Szenen in einem mörderischen Wiegenlied. Die Dialoge arrangiert "Mrs. Bubble" im Zusammenspiel mit den "Bones": Eine Unterhaltung zwischen Stimme und Blechbläsern, wobei die instrumentalen Kommentare oft sehr menschlich klingen und in ihrer Aussage ähnlich deutlich sind wie gesprochene Worte. Und ein besonderer "Ohrenschmaus" sind immer wieder ihre eigenwilligen Versionen von Pop- und Rocksongs:
Bei Covers ist es so ´ne Sache, entweder törnt mich einer an oder ab und dann mache ich beide. Also es sind nicht nur die Sachen, die mich antörnen, die ich singe. Britney Spears "Hit me baby one more time" - live eines meiner gern gesungenen Stücke, das ist so ein blöder, simpler Song, das ist der Reiz daran. Und das dann zu tief zu singen, von einer 40jährigen beleibten Frau und nicht von einer 18jährigen Magersüchtigen, das kommt ganz anders daher. Er hat mich einfach abgetörnt, so sehr dass ich ihn singen wollte.
Anders wieder bei einem "love hurts", das ist eine Jugendliebe zu diesem Song, Nazareth, der da schmachtend love hurts gesungen hat, das musste ich irgendwann mal covern, das wusste ich. Es hat wirklich ganz verschiedene Ansätze, warum ich einen Song covern will, aus Liebe oder aus Hass... aber aus Langeweile nie.

Obwohl Erika Stucky eine deutliche Affinität zu melancholischen Liedern hat - man denke nur an ihren Cover-Klassiker "Roxanne" von Police - und sie ihrer letzten Tournee das metaphorische Etikett "the swollen eye tour" gegeben hat, schafft sie es nicht dauerhaft, in einer wehmütigen Stimmung zu bleiben:
Ich nehme es mir doch immer so vor, auch auf der Bühne denke ich: jetzt mal fünf sad songs hintereinander, aber ich schaff's nicht.. Irgendwie kommt mir zwischen den Songs was in den Sinn und sei es, dass mich die Doris Day aufgeregt und dann ist es auf den Lippen und dann hab ich's gesagt und dann tut's mir leid, dass das Publikum schon grinsen muss, aber es ist dann halt raus. Ich glaube, ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich denke ein Nick Cave ist auch kein Komiker, der schafft es einfach nicht lustig zu sein, und vielleicht schaffe ich es einfach nicht, grundtief gruselig zu sein. Vielleicht habe ich immer diese beiden Seiten, das lachende und das weinende Auge. Jetzt bin ich 40, vielleicht schaffe ich's mit 60 einfach ein pures Balladenprogramm.

Wahrscheinlich wird sich die Sängerin auch mit 80 Jahren nicht verkneifen können, kleine bösartige Spitzen in ihre Songtexte und Moderationen einzubauen. Zumal die Zuhörerinnen und Zuhörer gerade durch diese fiesen Sticheleien die unschuldige Schönheit einer reinen Ballade noch intensiver genießen können.

"Ich kann fliegen mit meiner Stimme"
Erika Stucky liebt es, mit Musikerinnen und Musikern zusammen zu arbeiten, deren musikalische Persönlichkeit wiedererkennbar und unverwechselbar ist. Sie selbst gehört zu den Musikerinnen, die eine 'eigene' Stimme haben, eine die sich aus dem Pool immer gleich klingender, blässlich säuselnder Stimmchen hervor hebt. Auch wenn sie nicht die allerhöchsten Höhen erklimmt und sich im wilden Scatgesang überschlägt: es ist einfach IHRE Stimme und sie hat etwas zu sagen:
Ich bin sicher, so viele Sängerinnen können soviel mehr, können vielleicht höher, lauter, reiner singen, aber ich hab mich so angefreundet mit meiner Stimme - es ist ähnlich wie mit dem Körper, ich möchte auch nichts absaugen oder dazuflicken. Ich glaube, man gewöhnt sich so an sich selber, dass man sich nicht austauschen möchte mit sonst wem. Und ich kann alles machen mit meinem Körper - gut, Flickflack und Salto kann ich nicht, aber das brauche ich nicht. Ich kann so fliegen mit meiner Stimme, ich möchte keine andere. Von dem her ist sie schon mein Instrument, my chevrolet, da kann ich mich reinhocken und losfahren.
Anja Buchmann



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Erika Stucky
Lovebites    Traumton Records / Indigo 
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„Play with fire, play with guns, it’s easy to impress someone“ sang einmal ein Pop-Duo. Wie also kam die amerikanoschweizerischen Ausnahmesängerin Erika Stucky (Kindheit in San Francisco, dann Umzug ins Oberwallis, heute Nomadin mit Basis in Zürich) ausgerechnet auf die Idee, auf dem Cover ihres zweiten Soloalbums „Lovebites“ mit Knarre zu posen, wo wir doch wissen, dass solche Klischees furchtbar missverständlich wirken können? Doch Stucky, sie hat es auf dem Vorgängeralbum „Bubbles & Bones“ bereits bravorös vorgemacht, geht es in ihren mal opulent, mal minimal arrangierten Miniaturdramoletten, die ihre erneut kongenial aufspielende Begleitband orchestriert, alles andere um Klischees.

Vielmehr ist ein selbstbewusster wie verspielter Umgang mit der eigenen Wahrhaftigkeit das, worum es in dieser lässigen wie hypnotischen Musik geht. Man könnte vom ersten optischen Eindruck also ein Zusammenhang mit den „Lovebites“-Songs, die thematisch um Lieben, Leiden und Lassen kreisen, erschließen, der auf Angriff, Verteidigung oder gar Drohung zielt, doch wiewohl Stucky das oben zitierte Spiel mit dem Feuer sehr schätzt, findet sie den Samuel Lee Jackson Spruch: "The easiest way to get a reaction from somebody, is to point a gun at him“ noch besser. „Mein Vater ist Waffennarr, und das hat sich auf seine Tochter übertragen.
Er ist auch Metzger und auch das hat seine Folgen: I love steaks. I like em saignant. (Wirklich wahr. Ist kein journalistischer bullshit).“

Halten wir fest: im Kern blutig bis rosa, fast roh. Das sollten wir glauben. Und wissen, worauf wir uns da eingelassen haben: keine Musik für Vegetarier. Erika Stucky ist klar ein gesangliches Phänomen. Sie croont, schnattert, schmalzt, krächzt, stöhnt, seufzt, haucht und droht. Und sie spielt die Facetten des Gesangs logisch nie zum Selbstzweck aus, sondern stets für den Song. Bei ihrem passionierten Spiel stellt sich natürlich die Frage, wie viel in diesen Songs Autobiografie und wie viel Schauspiel ist. Oder macht sie diese Trennung nicht mehr?

„Mit dem Schauspielern ist es so, dass ich gelernt hab, nix zu spielen, was ich nicht fühle. Keinen Ton, keinen Satz. I'm trying. Ich werde verfolgt von Hook, Refrain und Melodie. Es klopft rythmisch in meinem Kopf, beim Abwaschen und Einkaufen, dann muss ich mich hinsetzen und den Einzelteilen mehr Fleisch am Knochen geben, muss aufschreiben, nageln.“ Nageln wir gleich mal den ersten Song fest: „You can taste my tongue/You can drink my tears/you can break my will – if you will/you can punch my face/you can pull my hair/you can slit my throat/but don’t steal my kisses“
– das erinnert doch glatt an Elvis’ blaue Wildledertreter auf psychologisch, in etwa: Du kannst das und das mit mir machen, aber DAS EINE Ding, das läuft bei mir nicht. In der Tat war Stucky als 8jährige irritiert von des Königs Schuhobsession, genau wie heute 8jährige von der Warnung, Halsdurchschneiden geht ok, aber Küsse stehlen auf keine Fall, irritiert sein könnten. „Ich wollte was kopfverdrehendes, blutiges, doppelbödiges, und nicht auf den ersten Ton erklärbares.
Die Platte soll "subakustisch einfahren", soll wie eine Filmmusik ohne Film, aber mit starken Tonbildern, daherkommen.“ Nebenrollen in diesem emotionellem Doku-Drama spielen u.a. Joe Pesci, Doris Day und Charles Manson, Figuren, die Stuckys Kindheit verschleiert, versüßt und vergruselt haben. Heute gefällt ihr der Blick auf Actors wie Pesci oder eben S.L. Jackson, die den artifiziellen aber doch realen Terror der Gegenwart in ihren Figuren ausspielen, genauso wie Stucky es auf ihre ganz eigene Weise in ihren Songfiguren tut. „Ich denke, es braucht eine große Portion Menschenverständnis und Menschenliebe, um sogenannte "Kalte Killers" zu spielen, und den Figuren dabei soviel Verletztheit zu lassen, dass man sie faszinierend findet.“

Das ist die traumatisch-dialektische Welt der Stucky paradigmatisch: hier zarte Verletzlichkeit, dort kaltblütig-abgeklärtes Auftreten (die Welt der Liebe, Lust und Leidenschaft), hier Sauberkeit, Unschuld, Idylle (Schweiz), hier Wahnsinn, dunkle Leidenschaft und Obsession (USA). Das schiebt sich musikalisch mit allen Untertönen ineinander. Mal hängt der Himmel voller Geigen, mal knirscht es hinterhältig in den Hirnwindungen, mal maulen die Bläser aufmüpfig herum und fordern ein Fortkommen der Geschichte - heraus kommt immer Stucky-Style. Durchtrieben, gefühlvoll, cool, gewitzt, stolz und energisch macht sich Erika Stucky auf den Weg in ihren Tunnel of Love, der Alltagsidylle und Geisterbahn zugleich ist. Liebe beisst und tut manchmal weh und macht so einiges mehr, und Liebesbisse tun ja bekanntlich weh und sind trotzdem schön. „

Den Ausdruck „Lovebites“ fand ich immer so verrucht, „Hickies“ oder „Knutschflecken“ war mir immer zu süß, zu unschuldig. Ich blieb bei den Liebesbissen, denn ohne Biss langweil ich mich.“ War der Umgang mit den Themen der großen Passion auf „Bubbles & Bones“ noch leichter und spielerischer, erscheint der Gestus nun geschlossener, dichter, kraftvoller und packender, sogar in den zurückhaltenden und den nahezu komödiantischen Momenten. „Ich wollte bei "Lovebites" mehr von der SOG-Qualität. Mehr Drall nach unten, mehr "emotionalen Durchzug"....mehr Kutteln! Ich will je länger je blutter. Je länger je nackter. Je älter desto eigener. Ich will noch mehr, länger...ich seh mich sehr klar als 75 jährige im deux-pieces, mit Kinderplasikguitarre auf der Bühne.“

Die Sängerin Stucky fühlt sich Rickie Lee Jones, Annie Lennox und Jeanne Moreau („als Wortsängerin/Diseuse“) verbunden, mehr aber noch den genialen Jungs ihrer Band. Denn die ist enorm wichtig für ihren Gesamtausdruck und bildet erst das magische Tableau, auf dem Stucky steht und sich entäußern kann. Sie, die ja selbst Akkordeon und Melodica spielt, weiß um die Magie der Bandchemie sehr genau. Doch die Korrespondenz mit den Instrumenten ist mittlerweile so selbstverständlich und nahezu einfach geworden, dass die enorme Komplexität, die hinter diesen Arrangements steckt, in dieser Spiellust nahezu unbemerkt bleibt.


Die Kunst von Stuckys Panorama ist Musical, in dem es nicht weniger als um Wahrhaftigkeit des Ausdrucks geht, und um das ernsthafte Amüsieren in einem phantastischem Grande-Guignol-Entertainment, in dem jede Menge reales Herzblut fließt.
Marcus Maida

 

Sie selbst ist eine Virtuosin in der Erzeugung und Vernichtung von Schein. JedeStucky-Jazz-Tournee verwandelt sich in ein Pathos Transport Theater. Sie verzaubert,
aber wieeine böse Fee. Alles, was sie singt und sagt und tut ist sexuelles Dynamit, d.h. sie jagt überlieferte Rollen, Szenarien, Erwartungen in die Luft.
Aber ein bisschen was von allem will sie zurückbehalten, damit das große Spiel weitergehen kann. Und zwar, weil Erika Stucky immer das Unmögliche will,
auf die paradoxeste Weise: unschuldig und bewusst zugleich.

Wenn Erika Stucky noch einmal „A Whiter Shade of Pale“ singt, nein inszeniert, dann ist das treuester Elevendienst und zugleich Implosion einer großen Sehnsucht.
Und ihre Cover-Version von Nazareths „Love Hurts“ weiß natürlich von dem Gebrauch, den ganze Teenie-Generationen von diesem Song gemacht haben.
Erika Stucky ist skeptisch, aber sie denunziert nicht. Manchmal
hat man den Eindruck, ihre Art von dekonstruktivem Jazz unternehme den waghalsigen Versuch, das reine Gefühl oder das wilde Begehren von all den bösen
Bildern zu befreien, mit denen jede Gesellschaft jeden Einzelnen so lange traktiert bis nichts von ihm übrig bleibt. Am Ende schmerzt die Liebe, weil von der großen
Emotion nur die Struktur blieb, das Verhaltens- und Erwartungsmodell, das jeden in die Falle lockt und das Leben fatal werden lässt.

Erika Stucky wehrt sich dagegen mit einer Art Jazz, die das Pop- und Folk-Universum entschieden kannibalisiert, das alles, was es bisher schon gab (und was Klang wurde)
noch einmal auf die Bühne bringt und verwandelt. Während Nietzsche am Beispiel Wagner zu demonstrieren versuchte wie jeder Musiker, der sich eine Maske aufsetzt und  zu schauspielern beginnt, notwendig zum Lügner wird, verstellt und kostümiert Erika Stucky sich nur, um eine Wahrheit zum Vorschein zu bringen. Und die Pippi-Langstrumpf  Attitüde verhindert, dass sich ihr Publikum rechtzeitig in Sicherheit bringt. Erika Stucky hat nicht nur eine Identität, sondern viele; in der Musik, aber auch mimisch/mimetisch.  Das Anders- oder eine Andere-Werden ist bei ihr Subversion.Auszug aus Plattenbesprechung: Helmut Hein